Ihr sollt nicht … (Khalil Gibran)

„Ihr sollt nicht eure Flügel falten,
damit ihr durch Türen kommt,
noch eure Köpfe beugen,
damit sie nicht gegen eine Decke stoßen,
noch Angst haben zu atmen,
damit die Mauern nicht bersten und einstürzen.“

Über diese Worte habe ich neulich mit jemanden diskutiert. Wir haben diese Zeilen unterschiedlich interpretiert. Für mein Gegenüber war klar, dass die Flügel gefaltet werden müssen, um durch die Tür zu passen und ich war der Meinung, dass es, wenn ich die Flügel falten muss, nicht die richtige Tür für mich ist.

Muss ich mich  anpassen, muss ich passen – um bei diesem Bild mit der Tür zu bleiben. Nein, muss ich natürlich nicht! Im Zusammenleben mit anderen ist es hilfreich, Kompromisse zu finden, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen und zurückzustecken. Aber eben nicht immerzu und ständig. Wenn ich meine Persönlichkeit nach der öffentlichen Meinung richte, begebe ich mich auf eine Achterbahn, die mich nicht dahin führt, wo ich mich wohl fühle.

Soweit die Theorie.

Doch wann ist der Zeitpunkt, um die Flügel NICHT einzuklappen, meinen Kopf NICHT zu beugen und aufrecht stehend zu atmen?
Könnte ich diese Fragen aus dem ärmelschüttelnd lässig beantworten, hätte ich einen anderen Beruf.
Ich für mich versuche auf das Bauchgefühl zu hören, aufmerksam, empathisch, achtsam zu sein (an dieser Stelle entschuldige ich mich für die vielen Modewörter, doch sind sie hier an der Stelle passend).
Gelingt es mir? Mit zunehmendem Alter besser. Ich muss nicht mit dem Kopf durch die Wand und weiß, wann lächeln und nicken mich weiter bringen, als mit dem Fuß aufzustampfen und auf meine Meinung zu beharren.
Fällt es mir leicht? Es geht so.
Manchmal, wenn ich meine Flügel falte und den Kopf einziehe, schäme ich mich vor mir selbst.

 

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